Karl Olsberg über die Veröffentlichung von interaktiven E-Books

Karl Olsberg, Schriftsteller ©privat

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Vorwort:
Am 14. März 2011 erscheint der neue Thriller „Glanz“ von Karl Olsberg.
„Glanz“ ist weltweit das erste Taschenbuch, das zeitgleich als interaktives E-Book erscheint.
Das Besondere: Es gibt mindestens 10 hoch 70 unterschiedliche Möglichkeiten, das Buch zu lesen (abhängig davon, welche Entscheidung man an welcher Stelle trifft). Das sind mehr Variationen, als es Atome in unserer Galaxis gibt! Wenn jeder Mensch auf der Erde täglich eine neue Variante lesen würde, dann reichte die Zeit bis zum “Big Rip”, dem Ende des Universums in einigen hundert Milliarden Jahren, bei Weitem nicht aus, um alle Möglichkeiten durchzuprobieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Leser exakt dieselbe Geschichte lesen, ist also praktisch gleich null. Erfahren Sie mehr zu diesem einzigartigen Projekt.

Herr Olsberg, wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine interaktive Fassung des Romans zu entwickeln?

Die Idee ergab sich einerseits aus dem Kontext des Buchs: Darin geht es um einen Jungen, der beim Computerspielen eine Überdosis einer Psychodroge nimmt und daraufhin ins Koma fällt; seine Mutter dringt mit Hilfe eines Mediums in seine Gedankenwelt ein und landet quasi mitten in dem Computerspiel, das der Sohn in seinem Kopf spielt. Andererseits hat mein persönlicher Hintergrund eine große Rolle gespielt. Ich habe schon während des Studiums textbasierte Computerspiele entwickelt und mich immer wieder mit diesem Thema beschäftigt. Jetzt, wo die große Stunde der E-Books anbricht, sehe ich neue Chancen für Computerspiele mit literarischer Ambition.

Gibt es Unterschiede zwischen dem Schreiben einer interaktiven und einer „herkömmlichen“ Geschichte?

Man könnte wohl eher nach den Gemeinsamkeiten fragen. Eine interaktive Geschichte ist etwas ganz anderes als eine lineare. Man muss während der Konstruktion der Geschichte ständig daran denken, wie der Leser hindurchnavigiert, an welchen Stellen es sinnvolle Verzweigungen gibt und wie man die verschiedenen Möglichkeiten wieder zusammenführt, damit der rote Faden nicht verloren geht. Es hat aber geholfen, dass ich einen fertigen Roman hatte, den ich als Richtschnur verwenden konnte. Dadurch ist das Ergebnis weniger Computerspiel und mehr ein wirklich interaktiver Roman geworden, bei dem man nichts „falsch machen“, aber viel Neues entdecken kann.

Was ist bei einem interaktiven Roman anders?

Dadurch, dass der Leser selbst aktiv in den Verlauf eingreift, hat er eine andere Leseerfahrung, die gleichzeitig intensiver und weniger intensiv ist. Intensiver, weil der Leser stärker mit der Protagonistin verschmilzt, sie anleitet, ihr den Weg zeigt. Weniger intensiv, weil man immer wieder aus dem Lesefluss „herausgerissen“ wird. Deshalb sehe ich interaktive Romane auch nicht als Alternative zu „normalen“ Büchern, sondern eher als Ergänzung.

Meinen Sie, dass die Leser die interaktiven Geschichten annehmen werden?

Das wird man sehen. Ich glaube, dass ein großer Teil der Leser auf die Interaktivität lieber verzichten möchte (siehe oben). Aber wenn es nur 10% der Leser sind, die selbst in die Geschichte eingreifen wollen, dann ist das sein sehr großes Potenzial. Im Übrigen kann ich mir vorstellen, dass viele erst einmal das Buch linear durchlesen, dann aber vielleicht noch mal an die Handlungsorte zurückkehren und andere Wege ausprobieren möchten. Ich habe mir jedenfalls schon bei manchem guten Buch gewünscht, ich könnte es noch mal auf andere Weise erleben, nachdem ich es zu Ende gelesen hatte.

Die Hypertext-Bewegung im Internet konnte sich nicht durchsetzen. Werden die neuen technischen Möglichkeiten, wie etwa die attraktive neue Generation der Lesegeräte, dies ändern?

Ich glaube, die Hypertext-Bewegung (als literarisch-künstlerische Strömung) ist an zwei Punkten gescheitert. Einerseits sicher an der Technik: Ein klassischer Computer ist nun mal kein Lesemedium. Andererseits haben die meisten Autoren zu viel auf einmal versucht und die Leser damit schlicht überfordert. Wenn ich als Leser überhaupt nicht mehr weiß, was ich als nächstes machen soll, dann gebe ich schnell frustriert auf. Aber es gibt ja durchaus Beispiele, die zeigen, dass Hypertext-Romane funktionieren können. Einerseits die immer noch existierenden „Abenteuer-Spiel-Bücher“ in gedruckter Form, andererseits Computerspiele mit literarischen Ambitionen, darunter wirklich exzellente Adventure Games.

Können Sie sich vorstellen, auch in Zukunft interaktive Bücher zu schreiben?

Definitiv ja. Sicher wird einiges davon abhängen, wie „Glanz interaktiv“ ankommt. Aber ich bin davon überzeugt, dass es noch sehr viele Möglichkeiten gibt, die zusätzlichen Chancen der E-Books zu nutzen. Ich glaube, dass die Grenzen zwischen „Computerspiel“, „Film“, „Buch“ und „Hörbuch“ in Teilen verschwimmen werden. Dennoch wird die klassische, linear erzählte Geschichte immer ihren Stellenwert haben, so wie Computerspiele nicht verhindert haben, dass man ins Kino geht oder sich eine Fernsehshow ansieht. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt auf alles, was da noch kommt.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Olsberg.

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